Hypertext. Über die Essenz des Web und Trüffelschweine

– 22. Oktober 2013 –

“Der Link, das unbekannte Wesen” schreibt Claudia Klinger, die in ihrem Blog über Ursachen nachdenkt, wieso deutsche Blogger nicht verlinken. Sie bezieht sich dabei auf den Rant von Kiezneurotiker, der unter dem Titel „Vernetzt euch“ die Unlust zum externen Verlinken (und damit Vernetzen) der deutschen Bloggerszene beklagt.

Ich will hier nicht über die Ursachen schreiben, da bieten die Texte der beiden Blogger genug Lesestoff – sondern habe Claudias Blogpost zum Anlass genommen, einen älteren Workshoptext von mir über Hypertext hervorzukramen. Ich habe ganz sacht den Staub weggepustet (und ordentlich gekürzt;) – und festgestellt: Das ist anscheinend vergessenes Wissen aus grauer Vorzeit! Denn auch wenn sich heute wahre Menschenmassen ganz selbstverständlich im Netz bewegen, machen sich die wenigsten bewusst, wie das Internet eigentlich aufgebaut ist. Und das gilt für Produzenten von Inhalten noch viel mehr als für Konsumenten.

Der Ball ist rund. Und das Netz braucht Links.

Rein technisch gesehen sind Online-Texte Hypertexte. Hypertexte sind nichtlineare Texte. Das ganze World Wide Web ist ein Hypertext, genauso wie jede Website ein kleiner Hypertext ist.

Was heißt das?

Die (Text/-Bild-/Audio-) Daten sind auf Datenmodule verteilt, die durch Wegverbindungen, sprich durch Links, miteinander verknüpft sind. Man liest einen Hypertext nicht von vorne nach hinten (oder umgekehrt), sondern hüpft mal hier, mal da hin – und klickt sich quer durch den Hypertext, je nach Vorwissen, Vorlieben und Erkenntnisinteresse.

Links sind deshalb die Essenz des Web. Ohne Links kein Hypertext. Ohne Hypertext kein Internet.

Trüffelschweine finden Interessanteres als Google.

Links auf Websites und in Blogs sind Wegweiser, die im interessantesten Fall Trampelpfade schaffen, die Google (noch) nicht kennt, weil sie zu Online-Perlen führen, die vielleicht zu neu, zu abseitig, zu klein sind, um ein relevantes Ranking zu erzeugen. Google ist hervorragendes Business. Erfolgreich. Nützlich. Relevant. Aber gut gemachte, von Menschen gesetzte Linkspfade sind spannender, weil es mehr zu entdecken gibt.

Nur wer einem Trüffelschwein gleich besondere Verbindungen im Netz erschnüffelt (und mit anderen teilt), kreiert ein Wegenetz mit echtem Mehrwert für andere Nutzer.

Was bedeutet das konkret für die Produktion der eigenen Webtexte?

1. In sich abgeschlossene Text-Module

Im Hypertext bahnt sich jeder Nutzer seinen eigenen Weg – durchs Internet und auch durch eine Website. Das bedeutet für die Texte auf Ihrer Seite: Die einzelnen Text-Module müssen abgeschlossen und in sich verständlich sein - auch für Leser, die von völlig anderen Seiten zu Ihnen gelangt sind. Und Ihre Online-Texte sollten jederzeit Aufschluss darüber geben, wer, wo und was sich hier befindet. Kontext ist King. Liefern Sie Kontext zu Ihren Texten (auch durch interne und externe Verlinkungen!).

2. Orientierung auf einen Blick

Anders als beim Buch oder der Zeitschrift, sieht man dem Hypertext nicht an, wie groß er ist, wenn man auf eine neue Webseite kommt. Größe und Struktur des Hypertextes müssen dem Besucher deshalb auf andere Weise sichtbar gemacht werden. Durch Navigationshilfen – eine logische, intuitiv nutzbare Menüführung – versteht jeder Besucher, wo er gerade ist und wo er noch hinklicken kann.

3. Mehrwert durch Links schaffen

Hypertexte können mehr als Buchtexte. Buchtexte schlummern unverbunden in verschiedenen Bibliotheken. Bestenfalls verweisen Fußnoten und Bibliographien auf andere Texte. Der Hypertext kann über seine Hyperlinks Texte/Bilder/Videos/Audios direkt miteinander verknüpfen. Nutzen Sie diese Möglichkeit!

Werden Sie zum Trüffelschwein für Ihre Nutzer!

Lesenswert, nicht nur für Web-Archäologen: Was ist „hyper“ am Hypertext? (PDF) (von 1999!)

Texten für das Internet kann man bei mir auch ganz praktisch lernen, zum Beispiel bei akademie.de oder bei der Marconomy Akademie.smile

P.S. Wie man sinnvoll Links setzt, intuitiv erfassbare Linktitel konzipiert und auf andere Seiten verweist, darüber blogge ich dann das nächste Mal!

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