Texttipp: Von der Pressemitteilung zur Nachricht

– 07. September 2005 –
Journalistische Texte entstehen aus Texten. Schreibende Journalisten sind seltener als redigierende. Die Agenturmeldungen, Pressemitteilungen, Texte von freien Mitarbeitern und Korrespondenten müssen gesichtet, geprüft, verbessert werden. Außerdem müssen Überschriften und Teaser gemacht werden. Texten heißt deshalb für Journalisten vor allem: Verarbeiten, kritisches Zitieren, Umformen und Zusammenfassen. Die Gefahr ist groß, werblichen Jargon aus Pressemitteilungen zu übernehmen oder unbewusst sprachliche Interpretationen vorzunehmen. "Sprachliche Kreativität im Journalismus ist in erster Linie eine Kreativität in der Auseinandersetzung mit der Sprache anderer." Jürg Häusermann, Journalistisches Texten Häusermann erklärt in seinem Buch "Journalistisches Texten" weiter: "Eine der wichtigsten journalistischen Fähigkeiten besteht darin, dies zu erkennen und die eigene Sprache von der fremden Sprache abzugrenzen. Journalistisch zu texten bedeutet deshalb, Positionen zu erkennen und selbst Position zu beziehen." Klingt einfach? Ist es aber nicht. Bei einer Pressemitteilung wissen wir wenigstens, welche Perspektive der Autor hatte. Aber nicht immer ist die Position so klar. Trotzdem bezieht jeder Texter Position. Allein die Sprache verrät ihn manchmal. Der Spiegel schreibt vielleicht "Ex-Kanzler Kohl behauptete...", die FAZ lässt Kohl etwas "erklären". Schon gleich eine ganz andere Perspektive. Wie sieht eine Pressemitteilung aus? Wenn Sie gut geschrieben ist, ist Sie wie eine Nachricht aufgebaut: - Überschrift - Lead/bzw. Teaser - Text - Das Wichtigste steht vorne (die "Lokomotive"), - Details hinten, garniert mit ein bis zwei Zitaten - Informationen zur Firma/Institution am Ende (der sogenannte Backgrounder), - d.h. auch Ansprechpartner und Kontaktmöglichkeit. Bestenfalls muss nicht allzu viel geändert werden, wenn man so eine Pressemitteilung z.B. als Meldung auf die eigene Seite nehmen will. Schauen Sie mal auf http://www.presseportal.de , hier finden Sie stündlich neue Pressemitteilungen. Fragen Sie sich zuerst: 1. Beinhaltet die Pressemitteilung überhaupt eine Nachricht? Wird etwas Neues und Interessantes mitgeteilt? 2. Was ist die Nachricht, die Hauptaussage, der Pressemitteilung? 3. Interessiert das Thema der Pressemitteilung meine Leser? 4. Zeit ist Geld: Wie viel Arbeit wird das Überarbeiten kosten? 5. Gibt es weiteres Material, das ich brauchen kann: Fotos, Grafiken etc? 6. Gibt es Zitate im Text, die die Nachricht auflockern können? 7. Gibt es eventuell "Gegenquellen": die Pressemitteilung einer Gewerkschaft hat wahrscheinlich andere Informationen in den Vordergrund gestellt als ein Unternehmen oder ein Arbeitgeberverband. D.h. gibt es weiteres Material für meinen Text, das ich berücksichtigen sollte? 8. Wenn andere schneller waren: Was machen andere aus der Mitteilung (das empfiehlt sich auch ganz gut zum "lernen": Schauen Sie einen Tag später, was Agenturen und andere Magazine aus der Pressemitteilung gemacht haben und vergleichen Sie mit ihrem Text.) Die eigentliche Bearbeitung des Textes: Wenn sie sich entschieden haben eine Pressemitteilung zu einer Nachricht zu verarbeiten, beginnt die eigentliche Arbeit. Haben Sie eine gute Pressemitteilung vor sich, sind die W-Fragen alle in den ersten Sätzen des Artikel beantwortet, es gibt einen Teaser und eine aussagekräftige Überschrift. Leider ist das nicht immer der Fall. Im Gegenteil: Viele Pressemitteilungen strotzen vor Superlativen, modischen Anglizismen und Fachjargon. Sie sind der Mittler zwischen Leserschaft und Akteur. Das heißt: 1. Beseitigen Sie unleserliche Wortballons, formulieren Sie um und erklären Sie, wo es nötig ist. 2. Kürzen Sie Sätze, streichen Sie alles, was unnötige Information für Ihre Leser ist, der Firma aber wichtig war zu sagen: Die Mustermann GmbH ist natürlich ein innovatives Unternehmen! Sagt die Firma Mustermann GmbH. 3. Behalten Sie die Kernaussage - die Nachricht!- beim Neuformulieren im Auge. Überlegen Sie sich deshalb ruhig zuerst eine Überschrift. Später können Sie das immer noch ändern. 4. Erfinden Sie das Rad nicht neu: Wenn Sätze gut und prägnant formuliert sind, dürfen Sie diese problemlos übernehmen. Urheberrechtlich gibt es hier keine Bedenken. Dafür sind die Texte aus den Presseabteilungen nämlich da:-). 5. Gibt es Zitate? Kürzen Sie diese gegebenenfalls. Sie dürfen aber nicht dem Zitierten das Wort im Mund herumdrehen. Bleiben Sie fair! 6. Zum Schluss: Gibt es Fotomaterial? Fordern Sie dieses an oder surfen Sie auf die Firmenseite. Manchmal gibt es hier vorbereitetes Material zum Downloaden. 7. Wollen sie mehr als eine Meldung bringen, vielleicht ein Feature? Rufen Sie beim Pressesprecher an. Fragen Sie, ob es weiteres Material gibt oder bitten Sie ihn um die Beantwortung einiger Fragen.
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