Texttipp: Verständliche und attraktive Webtexte II

– 12. März 2006 –
Mittlerweile gibt es eine beachtliche Anzahl an älteren und neueren Untersuchungen und Lese-Experimenten, die uns mehr über das Verhalten und die Interessen von Internet-Surfern verraten. Für wen schreiben wir als Webtexter? Websurfer lesen nicht, sie scannen. Das ist Ergebnis einer Studie von Jacob Nielsen zum Leseverhalten im Web. Zwischen 79 Prozent der Websurfer lesen Webseiten nicht Wort für Wort, sondern scannen den Bildschirm ab, und picken sich einzelne Wörter und Sätze heraus. Das bestätigen auch Studien der Universität Trier und der Fachhochschule Düsseldorf: Seiten werden nur flüchtig auf Interessantes abgescannt. Besonders wichtig sind deshalb Orientierungshilfen. Gerade im Text selbst wird eine gute optische Strukturierung von den Nutzern begrüßt. Zwischenüberschriften erleichtern ihnen die Entscheidung, ob sich das Lesen des ganzen Textes lohnt. Eine zu kleine Typographie hält sie dagegen vom Lesen ab. Online-Leser erwarten eine übersichtliche und klar strukturierte Einstiegsseite Überladene Homepages überfordern Online-Leser und schrecken sie ab. Auch das ein Ergebnis der Studien der Universität Trier. Die Einstiegsseite sollte sowohl direkte Einstiegspunkte für die gezielte Informationssuche bieten als auch attraktive Angebote für Besucher, die nur mal stöbern wollen. Dabei fühlen sich die meisten Nutzer durch Entscheidungen wie "Realaudio oder MP 3" und "HTML oder Flash-Version" übrigens überfordert. Onlinetexte sind schwerer zu verstehen und unglaubwürdiger. Das ist Ergebnis eines Vergleichsexperimentes der Ohio States University in den USA. 131 Studenten wurden jeweils zwei Texte aus der "Times" vorgelegt. Zunächst mussten die Probanden Fragebögen zu den Times-Themen "Sterbehilfe" und "Schulintegration" ausfüllen. Danach mussten die Testpersonen die Texte zum Teil als Zeitungsausschnitt, zum Teil als Webtext lesen. Nach dem Lesen der Texte wurde wiederum ein Fragebogen zu den Texten sowie zu veränderten Einstellungen zum Thema erhoben. Ergebnis: Die am Monitor gelesenen Texte wurden für weniger glaubwürdig gehalten. Die Webtexte konnten die Einstellungen der Leser auch viel weniger beeinflussen als die Zeitungstexte. Und er liest doch... Online-Leser sind textfixiert Online-Nachrichten-Leser wollen Texte - keine Bilder oder Grafiken. Das Ergebnis einer Eyetrack Studie des Poynter Instituts überrascht: Der Leser am Monitor liest völlig anders als der Zeitungsleser. Im Gegensatz zur Printzeitung fällt der Blick zuerst auf den Text, nicht auf die Bilder. Der User sucht bei einem Nachrichten-Angebot zuerst nach aussagekräftigen Anreißern (Teasern) und Überschriften. Mit Hilfe des Texts trifft er die Entscheidung: "Weiterklicken und Lesen?". Hat sich der User erst gezielt für einen Artikel entschieden, wird dieser dann zu 75% gelesen, bei der Printzeitung sind es nur 20-25%. Scrollt er oder scrollt er nicht? Der User. Um das Scrollen entbrannte ein regelrechter kleiner Glaubenskrieg in der Usability-Gemeinde: Usability-Guru Nielsen tönte anfangs (1996): Nur 10 Prozent der User scrollen. Das Credo war: Texte nur in Kleinsthäppchen, nicht mehr als eine Bildschirmseite Text. Ein Jahr später dementierte Nielsen und titelte: "Scrolling Now Allowed[/url". Andere meinen gescrollt wird immer, wenn es interessant genug ist. Internetmagazine wie [url=http://www.telepolis.de]http://www.telepolis.de treiben das bis zur Spitze von Scrolltexten mit 20.000 Zeichen (allerdings immer mit Download-Button). Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: Scrollen über 2-3 Bildschirmtexte ist ok - wenn es ein interessanter und webgerecht aufbereiteter Text ist. Achso, und nie vergessen: Schreiben fürs Web heißt Schreiben für den Bildschirm. Menschen mit Bildschirmarbeitsplätzen - wie wir ja z.B. einen haben - können ein Lied davon singen: Bildschirmarbeit ist Schwerstarbeit für die Augen. Langes Starren auf den Bildschirm ermüdet die Augen. Es gibt eine ganze Palette an Überlastungssymptomen, wie z.B. brennende, schmerzende oder trockene Augen - von verspannten Schultern ganz zu schweigen. Das alles macht das Lesen schwerer und ungemütlicher. Die Zeitung oder ein Buch kann ich gemütlich im Sessel sitzend lesen oder schmökern. Langeweile, Amtsdeutsch wird noch viel weniger verziehen als in einem Printtext. Schließlich muss ich mehr dafür tun, um ihn zu lesen. Fazit: Was wissen wir bisher über den typischen Online-Leser? Er ist ein informationsorientierter Surfer, der
  • viele Anreißer liest und stark selektiert,
  • Grafiken und Bilder eher ignoriert,
  • Wert auf sachliche und aussagekräftige Überschriften legt,
  • kritischer und skeptischer ist als der Zeitungsleser,
  • den Text nach Schlüsselwörtern abscannt und sprunghaft liest,
  • möglichst bald wissen will, warum gerade dieser Text für ihn interessant sein könnte, manchmal scrollt grin.

Texttipp: Verständliche und attraktive Webtexte I

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